Rede Andrea Milz (CDU) am 2.2.2011
zum Antrag der Fraktion der CDU
"Burn-Out-Syndrom entgegenwirken – insbesondere Frauen und Mütter mit Mehrfachbelastungen unterstützen"
„Volk der Erschöpften!“
So überschrieb die Wochenzeitung „Der Spiegel“ kürzlich seine Titelstory über die neue deutsche Volkskrankheit „Burnout“.
Und dies mit gutem Grund:
Die Deutschen leben immer länger und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erkranken seltener aufgrund körperlicher Beschwerden, die es früher bei schwerer körperlicher Arbeit häufiger gab.
Auf der anderen Seite aber sind psychische Volksleiden auf dem Vormarsch:
- Nahezu jeder dritte Bundesbürger leidet innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung.
- Seit 1990 haben sich die Krankschreibungen wegen psychischer Belastungen fast verdoppelt.
- Rund 4 Millionen Bundesbürger leiden unter behandlungs- bedürftigen Depressionen.
- Die Fehlzeitzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen haben von 1998 bis 2009 um 76 Prozent zugenommen.
- 38 Prozent der Frühverrentungen 2009 wurden aufgrund von seelischen Erkrankungen bewilligt.
Eine der häufigsten seelischen Erkrankungen ist eine Erschöpfungsdepression, das sogenannte „Burn-Out-Syndrom“.
„Burnout“, auf Deutsch „ausgebrannt“, ist ein Gefühlszustand der Unzufriedenheit, der inneren Leere und der Erschöpfung.
Ein Hauptgrund für die Zunahme von Burn-Out-Erkrankungen ist, dass die moderne Welt Leistung in immer kürzeren Taktfrequenzen verlangt.
Die Folgen sind oft Zeit- und Verantwortungsüberforderungen, Erwartungs-, Leistungs- und Konkurrenzdruck, Angst um den Arbeitsplatz sowie fehlende Anerkennung für das Geleistete und Vereinsamung durch Arbeitsüberforderung.
Diese Faktoren bilden den Nährboden für das „Burnout-Syndrom“. „Burn-Out“ kann entstehen, wenn das Verhältnis von Verausgabung und Anerkennung in Form von Lohn, Aufstiegschancen, Arbeitsplatzsicherheit und Wertschätzung aus der Balance gerät.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
der Bundesverband Deutscher Psychologen weist darauf hin, dass Frauen stärker unter „Burn-out“ leiden als Männer und führt dies vor allem auf die häufigen Mehrfachbelastungen durch Beruf, Familie und Pflege zurück.
So zitierte der Kölner Stadtanzeiger am 28.1.2011 aus einer Studie der Siemens-Betriebskrankenkasse, wonach die Ausgaben der Kasse für pflegende Angehörige um 18% höher sind als für andere Versicherte. Besonders hoch ist die Zahl der chronischen und schwerwiegenden Krankheiten, die der Untersuchung zufolge 51% über dem Durchschnitt liegt.
Auch wenn Männer zunehmend bereit sind, sich neben ihrer Erwerbsarbeit zusätzlich an der Familienarbeit zu beteiligen, ist es jedoch unbestreitbar, dass von solchen Mehrfachbelastungen zumeist Frauen betroffen sind.
Nicht zuletzt die Tatsache, dass gerade die Familienarbeit in der Öffentlichkeit immer weniger Anerkennung findet, führt dazu, dass zu den „Burn-Out“-Patientinnen nicht nur weibliche Berufstätige, sondern auch Hausfrauen und Mütter zählen.
Das Müttergenesungswerk weist seit Jahren darauf hin, dass Mütter so vielen Belastungen ausgesetzt sind, dass viele von ihnen am Burn-Out-Syndrom erkranken.
Bereits 2007 wies eine Studie des Instituts für empirische Soziologie nach, dass rund 20 Prozent der Mütter in Deutschland kurbedürftig sind. Symptome einer „Burnout“-Erkrankung zeigen dieser Studie zufolge knapp achtzig Prozent der Patientinnen des Müttergenesungswerks.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Wir wollen eine echte Wahlfreiheit, die jeder Frau und Mutter die Entscheidung für ihr eigenes Lebensmodell ermöglicht.
Dazu müssen wir nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter verbessern, dazu müssen wir auch gesundheitliche Aspekte verstärkt in den Blick nehmen.
Dazu müssen wir die Gesundheit von Frauen in der Erwerbs- und in der Familienarbeit verbessern.
Daher fordern wir die Landesregierung in unserem Antrag dazu auf, sich für die Herstellung gerechterer Erwerbsbedingungen einzusetzen.
Erstens durch die Fortführung des von der Vorgängerregierung
forcierten Ausbaus der Kinderbetreuung;
Zweitens durch den Einsatz für die konsequente Umsetzung
des Teilzeit – und des Gleichstellungsgesetzes;
Drittens durch den Einsatz für gleichen Lohn für gleiche Arbeit
für beide Geschlechter
sowie viertens durch die Förderung der Berufschancen beim
Wiedereinstieg nach der Elternzeit.
Wir fordern die Landesregierung des Weiteren dazu auf:
- erstens eine Anerkennungskultur für die von Frauen geleistete Familienarbeit zu fördern;
- zweitens sich für den Ausbau und die Vernetzung der Anbieter von Burn-Out-Präventionskursen und Anti-Stress-Coaching mit lokalen Beratungsstellen, Sozialdiensten, Familienzentren und Schulen einzusetzen
- und drittens sich für eine solide Planungssicherheit und Koordinierung der Beratungs- und Vermittlungsstellen einzusetzen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es ist Aufgabe der Politik, geeignete und gerechtere Rahmenbedingungen für die Erwerbs- und die Familienarbeit von Frauen und Männern zu schaffen.
Es ist Aufgabe der Politik, insbesondere Frauen und Mütter (aber auch Männer) mit Mehrfachbelastungen zu unterstützen und damit der Volkskrankheit „Burn-Out“ entgegen zu wirken.
Deshalb bitte ich um Überweisung in den Fachausschuss und freue mich auf die Beratungen im Ausschuss!
Vielen Dank! |